Wenn Du mindestens vier Wochen vor der Empfängnis mit Folsäure anfängst, sind 400 µg täglich die offizielle Menge. Die 800 µg sind für den Fall vorgesehen, dass Du später dran bist, sie gleichen also fehlende Vorlaufzeit aus.

Wer nimmt 400 µg und wer 800 µg?

Das Netzwerk Gesund ins Leben, an dem sich die offiziellen Empfehlungen in Deutschland ausrichten, bringt beide Zahlen in zwei Sätzen unter. Der erste gilt für alle, die planen können: ein Präparat mit 400 µg Folsäure am Tag, ab Kinderwunsch, zumindest aber vier Wochen vor der Empfängnis, und dann weiter bis zum Ende des ersten Trimesters. Der zweite gilt für alle, bei denen es schneller ging als gedacht: Wer später als vier Wochen vor der Empfängnis angefangen hat, soll 800 µg täglich nehmen, bis die zwölfte Schwangerschaftswoche vorbei ist.

Damit ist die Zuordnung eigentlich schon fertig, und sie hängt an einer einzigen Frage, nämlich wie viel Zeit zwischen Deiner ersten Tablette und der Empfängnis liegt. Das Unpraktische daran ist, dass sich diese Frage im Voraus fast nie sauber beantworten lässt. Deshalb ist der Startzeitpunkt in der Praxis die Stellschraube, an der Du wirklich drehen kannst: Wer ab dem Moment anfängt, in dem die Entscheidung für ein Kind fällt, landet automatisch in der 400er-Gruppe, und die Frage nach den 800 µg stellt sich dann gar nicht erst. Wie viel Vorlauf dafür realistisch ist, habe ich in einem eigenen Artikel dazu aufgeschrieben, wie lange vor der Schwangerschaft man mit Folsäure anfangen sollte.

Warum die höhere Menge an der Zeit hängt

Hinter den 800 µg steckt eine ziemlich konkrete Rechnung. Bis der Folatspiegel in den roten Blutkörperchen den Wert erreicht, den die WHO als Ziel nennt, sind bei 400 µg am Tag sechs bis acht Wochen nötig, bei 800 µg dagegen nur etwa vier Wochen. Wer knapp dran ist, kauft sich mit der höheren Menge also Zeit, die im Kalender nicht mehr da ist.

Und die Zeit ist hier wirklich knapp bemessen, weil das andere Zeitfenster niemanden fragt: Das Neuralrohr schließt sich normalerweise bereits vier Wochen nach der Konzeption, also in einer Phase, in der viele Frauen gerade erst einen positiven Test in der Hand halten. Ein Test ist ja frühestens rund zwei Wochen nach dem Eisprung aussagekräftig, und dann bleibt für dieses Fenster kaum noch etwas übrig. Genau deshalb gibt es überhaupt eine Empfehlung für den späten Beginn.

Sind 800 µg die sicherere Wahl?

Das ist die Stelle, an der ich bei der Recherche am längsten hängen geblieben bin, weil der Gedanke ja naheliegt: Wenn die höhere Menge schneller ankommt, warum nimmt man sie dann nicht einfach immer? Die Empfehlung ist so aber ausdrücklich nicht gemeint. Die 800 µg tauchen dort nur in dem einen Fall auf, in dem die vier Wochen Vorlauf fehlen. Die höhere Menge ist eine Antwort auf knappe Zeit, nicht auf ein höheres Risiko.

Dazu kommt, dass es nach oben eine Grenze gibt. Die EFSA nennt für Erwachsene eine tolerierbare Gesamtaufnahme von 1.000 µg Folsäure täglich aus Präparaten und angereicherten Lebensmitteln. Wer dauerhaft 800 µg nimmt, liegt damit dicht unter dieser Obergrenze, und der Abstand, den angereicherte Lebensmittel noch füllen könnten, wird ziemlich schmal. Bei 400 µg ist dieser Abstand beruhigend groß, und das ist für mich das eigentliche Argument dafür, früh anzufangen.

Wenn eine Zahl für Deine Situation nicht gilt

»Nährstoffbereit vor der Schwangerschaft« hat ein eigenes Kapitel für die Lagen, in denen die Standardantwort nicht trägt: vegetarische und vegane Ernährung, PCOS, kurzer Geburtenabstand, eine Magen- oder Darmoperation und die Zeit nach einer Fehlgeburt. Dazu vier komplett durchgespielte Fälle und ein Kapitel darüber, welche Zahlen in diesem Feld ein Ablaufdatum haben. Es gelten 14 Tage Widerrufsrecht.

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Warum auf den Packungen noch ganz andere Zahlen stehen

Im Regal findest Du 400 µg, 500 µg, 800 µg und alles dazwischen, und diese Zahlen folgen keiner medizinischen Logik. Sie folgen der Frage, was ein Hersteller in ein Produkt packen darf, das für alle im Regal steht. Das BfR schlägt für Nahrungsergänzungsmittel 200 µg Folsäure pro Tagesdosis vor, also die Hälfte der offiziellen Supplementierungsempfehlung. Das klingt wie ein Widerspruch, ist aber keiner: Ein Höchstmengenvorschlag ist eine Marktregel für die Allgemeinheit und hebt eine gezielte Empfehlung für eine bestimmte Situation nicht auf. Die Zahl auf der Schachtel sagt Dir, was drin ist, und nichts darüber, was für Dich gilt.

Bei der Form hast Du dagegen freie Wahl. Die Handlungsempfehlungen nennen 400 µg Folsäure oder äquivalente Mengen anderer Folate, das bereits aktive Methylfolat ist also mitgemeint. Teuer ist keine der beiden Formen: Eine Tagesdosis kostet nach Apotheken- und Versandpreisen 0,05 bis 0,15 €, wobei die aktive Form eher am oberen Rand liegt.

Was dabei leicht durcheinandergeht, ist der Unterschied zwischen dem, was Du schluckst, und dem, was insgesamt bei Dir ankommt. Der DGE-Referenzwert für die Gesamtzufuhr liegt bei 300 µg Folatäquivalenten am Tag für Frauen und bei 550 µg in der Schwangerschaft, und der meint Essen und Präparat zusammen. Die 400 oder 800 µg dagegen meinen ausschließlich das Präparat, sie kommen also obendrauf. Dass es diese Empfehlung überhaupt gibt, liegt genau daran: Laut dem Netzwerk Gesund ins Leben erreichen 86 Prozent der Frauen die empfohlene Folatzufuhr über die Ernährung nicht.

Wann Deine Ärztin die Menge festlegt

Es gibt Situationen, in denen beide Zahlen als Bezugspunkt ausfallen. Wenn Du Antiepileptika nimmst, wenn in einer früheren Schwangerschaft ein Neuralrohrdefekt aufgetreten ist oder wenn Du eine bariatrische Operation hinter Dir hast, gilt eine höhere, ärztlich festgelegte Menge. Welche das ist, steht in keiner allgemeinen Empfehlung und schon gar nicht in einem Blogartikel, auch in diesem hier nicht.

Wie ernst dieser Bereich genommen wird, zeigt die große MRC-Studie von 1991 an Frauen mit erhöhtem Risiko: Mit Folsäure rund um die Empfängnis ging das erneute Auftreten von Neuralrohrdefekten um rund 72 Prozent zurück. Das ist ein beeindruckendes Ergebnis, aber eben eines aus einer Hochrisikogruppe, und daraus lässt sich keine Menge für alle anderen ableiten. In der Werbung für höher dosierte Präparate passiert diese Übertragung trotzdem ständig.

Quellen zu diesem Artikel
  • Netzwerk Gesund ins Leben: 400 µg Folsäure täglich ab Kinderwunsch, zumindest vier Wochen vor der Empfängnis, bis zum Ende des ersten Trimesters; 800 µg täglich bei Beginn später als vier Wochen vor der Empfängnis, bis zum Ende der 12. Schwangerschaftswoche; sechs bis acht Wochen beziehungsweise etwa vier Wochen bis zum WHO-Zielwert in den Erythrozyten; Neuralrohrschluss normalerweise vier Wochen nach der Konzeption; 86 Prozent der Frauen erreichen die empfohlene Folatzufuhr über die Ernährung nicht.Handlungsempfehlungen, Bundeszentrum für Ernährung
  • Koletzko u. a. (2018): Handlungsempfehlungen des Netzwerks Gesund ins Leben, 400 µg Folsäure oder äquivalente Mengen anderer Folate.Geburtshilfe und Frauenheilkunde
  • EFSA: tolerierbare Gesamtaufnahme von 1.000 µg Folsäure täglich für Erwachsene aus Präparaten und angereicherten Lebensmitteln.EFSA-Übersicht der Obergrenzen
  • Bundesinstitut für Risikobewertung: Höchstmengenvorschlag von 200 µg Folsäure pro Tagesdosis eines Nahrungsergänzungsmittels.BfR-Höchstmengenvorschläge für Nahrungsergänzungsmittel
  • Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Referenzwerte für die Folatzufuhr, 300 µg Folatäquivalente täglich für Frauen und 550 µg in der Schwangerschaft.DGE-Referenzwerte
  • MRC Vitamin Study Research Group (1991): randomisierte Studie an Frauen mit erhöhtem Risiko, rund 72 Prozent weniger erneute Neuralrohrdefekte mit Folsäure rund um die Empfängnis.The Lancet
  • Eigene Preisrecherche in Apotheken- und Versandpreisen für »Nährstoffbereit vor der Schwangerschaft«: 0,05 bis 0,15 € pro Tagesdosis Folsäure oder Methylfolat.Stand August 2026

Welche Menge ich selbst genommen habe

Bei mir waren es 400 µg als aktives Methylfolat, rund acht Monate lang vor meiner ersten Schwangerschaft. Die Frage nach den 800 µg hat sich für mich damit nie gestellt, und ehrlich gesagt war das eher Glück als Planung, weil mein Vorlauf aus ganz anderen Gründen so lang geworden ist. Bei acht Präparaten insgesamt lag ich bei sieben über dem, was offiziell genannt wird, teilweise beim Doppelten. Folsäure war der einzige Posten, der genau auf der Empfehlung lag, und wie sich der Rest aufteilt, steht in meiner kompletten Kostenaufstellung.

Bei meiner ersten Messung lag mein Folatwert bei 20 ng/ml, das Labor hat ihn als unauffällig eingeordnet. Das ist für mich im Rückblick die interessanteste Zahl aus dem Befund, weil sie an der Entscheidung nichts geändert hat und auch nichts hätte ändern dürfen. Die Empfehlung hängt an einem Entwicklungsfenster in den ersten Wochen, das jede Schwangerschaft gleich durchläuft, also nicht an einem gemessenen Ausgangswert. Folsäure ist damit der eine Posten auf meiner Liste, für den ich kein Labor gebraucht hätte, während ich bei den anderen sieben besser vorher genauer hingeschaut hätte.

20 ng/ml mein Folatwert bei der ersten Messung, vom Labor als unauffällig eingeordnet: die eine Zahl aus meinem Befund, die an keiner Entscheidung etwas geändert hat

Für eine mögliche zweite Schwangerschaft ist mein Plan, es bei der Folsäure genauso zu halten: früh anfangen, bei 400 µg bleiben, den Posten einfach durchlaufen lassen. Die 800 µg habe ich trotzdem im Kopf, weil ich diesmal sehr genau weiß, wie schnell so ein Zeitplan kippt.

Häufige Fragen

Wann sind 800 µg Folsäure vorgesehen?

Für Frauen, die später als vier Wochen vor der Empfängnis mit der Einnahme begonnen haben. Das Netzwerk Gesund ins Leben nennt für diesen Fall 800 µg täglich bis zum Ende der zwölften Schwangerschaftswoche, weil der Zielwert in den roten Blutkörperchen bei dieser Menge schon nach etwa vier Wochen erreicht ist.

Sind 800 µg Folsäure besser als 400 µg?

So ist die Empfehlung nicht gemeint. Die höhere Menge taucht dort ausschließlich als Ausgleich für einen späten Beginn auf. Wer rechtzeitig anfängt, ist mit 400 µg täglich genau auf der Empfehlung.

Wie viel Folsäure ist zu viel?

Die EFSA nennt für Erwachsene eine tolerierbare Gesamtaufnahme von 1.000 µg Folsäure täglich aus Präparaten und angereicherten Lebensmitteln. Das ist eine Obergrenze für die Summe aus allen diesen Quellen. Als Zielmarke ist sie nie gedacht gewesen.

Gilt die Empfehlung auch für Methylfolat?

Ja. Die Handlungsempfehlungen sprechen von 400 µg Folsäure oder äquivalenten Mengen anderer Folate, das bereits aktive Methylfolat ist damit mitgemeint. Beim Preis liegt es eher am oberen Rand der Spanne von 0,05 bis 0,15 € pro Tagesdosis.

Wann Du zusätzlich professionelle Unterstützung suchen solltest

Sprich mit Deiner Frauenärztin oder Deinem Arzt, bevor Du Dich für eine Menge entscheidest, wenn Du Antiepileptika nimmst, wenn in einer früheren Schwangerschaft ein Neuralrohrdefekt aufgetreten ist oder wenn Du eine Magen- oder Darmoperation hinter Dir hast. In diesen Fällen legt die Praxis die Menge fest, und die beiden Zahlen aus diesem Artikel sind dann der falsche Bezugspunkt. Dasselbe gilt, wenn Du ein Kombipräparat nimmst und unsicher bist, wie viel Folsäure darin steckt, oder wenn Du schwanger bist und den Verdacht hast, spät angefangen zu haben. Mit Blick auf Deinen Zyklus lässt sich das dort viel genauer beantworten als hier.

Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel stellt keine medizinische Diagnose oder Behandlung dar, ersetzt keine ärztliche Beratung und enthält keine Dosierungsempfehlung für Deine persönliche Situation. Sprich über Laborwerte, Präparate und Mengen mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt.