Für einen späten Beginn sieht die offizielle Empfehlung vor, sofort anzufangen und bis zum Ende des ersten Trimesters weiterzumachen, das Netzwerk Gesund ins Leben nennt dafür 800 µg am Tag, und die Menge sprichst Du am besten gleich mit Deiner Frauenärztin ab. Ob das Zeitfenster fürs Neuralrohr dann noch offen ist, hängt am Kalender: Es schließt sich normalerweise vier Wochen nach der Empfängnis, nach der Zählung im Mutterpass also ungefähr am Ende der sechsten Schwangerschaftswoche, und Neuralrohrdefekte sind insgesamt selten, in einer großen europäischen Auswertung waren es 9,1 auf 10.000 Geburten.
Was die vier Wochen zum Neuralrohr wirklich heißen
Die Zahl, an der dieser ganze Artikel hängt, steht beim Netzwerk Gesund ins Leben, an dem sich die offiziellen Empfehlungen in Deutschland ausrichten: Das Neuralrohr schließt sich normalerweise bereits vier Wochen nach der Empfängnis. Beim Weitererzählen wird daraus schnell „in den ersten vier Wochen der Schwangerschaft“, und das klingt fast gleich, meint aber einen anderen Zeitpunkt. Gemeint sind vier Wochen nach der Empfängnis, nicht vier Schwangerschaftswochen.
Im Mutterpass beginnt die Schwangerschaft nämlich mit dem ersten Tag der letzten Periode, und die Befruchtung liegt meist etwa zwei Wochen danach. Die Schwangerschaftswochen laufen der Entwicklung des Kindes also immer ungefähr zwei Wochen voraus. Wer die vier Wochen nach der Empfängnis in diese Zählung übersetzt, landet ungefähr am Ende der sechsten Schwangerschaftswoche.
| Was passiert | Wochen seit dem ersten Tag der letzten Periode | Schwangerschaftswoche laut Mutterpass |
|---|---|---|
| Die letzte Periode beginnt | 0 | Beginn der 1. |
| Befruchtung | etwa 2 | Ende der 2. |
| Die nächste Periode bleibt aus | 4 | Beginn der 5. |
| Das Neuralrohr ist normalerweise geschlossen | etwa 6 | Ende der 6. |
| Die Empfehlung für Folsäure endet | 12 | Ende der 12. |
Und genau da wird es eng, wenn man es einmal so nebeneinander sieht. Bei einem Zyklus von 28 Tagen bleibt die Periode zu Beginn der fünften Schwangerschaftswoche aus, und wer dann einen positiven Test in der Hand hält und am selben Tag mit Folsäure anfängt, hat bis zum Neuralrohrschluss noch ungefähr zwei Wochen. Mit einem späteren Test oder wenn die erste Packung erst nach dem ersten Termin in der Frauenarztpraxis im Schrank liegt, ist das Fenster meistens schon zu, bevor man überhaupt daran denkt.
Hat es dann überhaupt noch einen Sinn, jetzt anzufangen?
Ja, und das ist mir wichtig, weil man nach der Rechnung oben leicht in die andere Richtung kippt. Die Empfehlung läuft ohnehin bis zum Ende des ersten Trimesters, sie hört also gar nicht mit dem Neuralrohr auf. Für Frauen, die später als vier Wochen vor der Empfängnis angefangen haben, nennt das Netzwerk Gesund ins Leben 800 µg am Tag bis zum Ende der zwölften Schwangerschaftswoche, und die Verbraucherzentrale schreibt dasselbe ausdrücklich auch für eine ungeplante Schwangerschaft, am besten nach Absprache mit der Frauenärztin oder dem Frauenarzt.
Der Grund für die höhere Menge ist der eigene Speicher. Bis der Folatspiegel in den roten Blutkörperchen den Wert erreicht, den die WHO als Ziel nennt, dauert es bei 400 µg am Tag sechs bis acht Wochen und bei 800 µg etwa vier Wochen. Dazu kommt, dass der Bedarf in der ganzen Schwangerschaft höher liegt: Die DGE nennt für die Gesamtzufuhr aus Essen und Präparat 300 µg Folatäquivalente am Tag für Frauen und 550 µg für Schwangere. Was die höhere Menge allerdings nicht kann, ist ein Fenster wieder aufmachen, das schon geschlossen ist.
Wie wahrscheinlich ist ein Neuralrohrdefekt überhaupt?
Wer gerade nachrechnet und merkt, dass die sechste Schwangerschaftswoche schon vorbei war, als die erste Tablette kam, hat vermutlich genau diese Frage im Kopf. Die beste Zahl, die ich dafür gefunden habe, stammt aus einer großen europäischen Auswertung von Khoshnood u. a. aus dem Jahr 2015: 28 Register in 19 Ländern, rund 12,5 Millionen Geburten zwischen 1991 und 2011, und insgesamt 9,1 Neuralrohrdefekte auf 10.000 Geburten. Das ist ungefähr einer auf 1.100.
Eine Durchschnittszahl sagt allerdings nichts über Dein persönliches Risiko, und sie soll hier auch nichts kleinreden. Dass Folsäure rund um die Empfängnis das Risiko senkt, zeigt am deutlichsten die MRC-Studie von 1991 an Frauen mit erhöhtem Risiko, in der erneute Neuralrohrdefekte um rund 72 Prozent zurückgingen. Für die Frage, was ein verpasster Start in dieser Schwangerschaft bedeutet, ist die Größenordnung trotzdem wichtig: Ein Neuralrohrdefekt ist die seltene Ausnahme.
Damit beim nächsten Mal der Kalender für Dich arbeitet
»Nährstoffbereit vor der Schwangerschaft« sammelt, was vor einer Schwangerschaft eine Frist hat, und spielt vier Fälle komplett durch, darunter einen mit nur acht Wochen Vorlauf. Für einen kurzen Geburtenabstand und die Zeit nach einer Fehlgeburt gibt es eigene Abschnitte im Kapitel zu besonderen Situationen. Es gelten 14 Tage Widerrufsrecht.
Nährstoffbereit ansehenWas Du jetzt konkret tun kannst
Am wichtigsten ist der Termin bei Deiner Frauenärztin oder Deinem Frauenarzt, und dort gehört die Folsäure direkt mit auf den Zettel, zusammen mit dem Datum, an dem Du angefangen hast, und dem ersten Tag Deiner letzten Periode. Mit diesen beiden Daten lässt sich die Rechnung von oben für Dich ziemlich genau machen, und dort wird dann auch die Menge festgelegt. Wenn Du Antiepileptika nimmst oder wenn in einer früheren Schwangerschaft ein Neuralrohrdefekt aufgetreten ist, gilt ohnehin eine eigene, ärztlich festgelegte Menge, und dann gehört die Frage so früh wie möglich in die Praxis.
Falls Du schon ein Kombipräparat für Schwangere zuhause hast, lohnt außerdem ein Blick aufs Etikett, wie viel Folsäure darin steckt. Die EFSA nennt für Erwachsene eine tolerierbare Gesamtaufnahme von 1.000 µg Folsäure am Tag aus Präparaten und angereicherten Lebensmitteln, und wer ein Einzelpräparat und ein Kombipräparat parallel nimmt, kommt da schneller hin, als man denkt.
Und dann gibt es noch einen Termin, an den man in dieser Situation vielleicht erst später denkt. Allen Schwangeren werden drei Basis-Ultraschalluntersuchungen angeboten, in der 9. bis 12., der 19. bis 22. und der 29. bis 32. Schwangerschaftswoche. Für die mittlere kannst Du zwischen der normalen und einer erweiterten Fassung wählen, und bei der erweiterten wird unter anderem angeschaut, ob Kopf und Hirnkammern normal geformt und Hals und Rücken gut entwickelt sind. Alle diese Untersuchungen sind freiwillig, Du darfst auf jede einzelne verzichten, und ob Du die erweiterte Fassung möchtest, lässt sich gut beim nächsten Termin besprechen.
Quellen zu diesem Artikel
- Netzwerk Gesund ins Leben: Neuralrohrschluss normalerweise bereits vier Wochen nach der Empfängnis; Empfehlung bis zum Ende des ersten Trimesters; 800 µg Folsäure täglich bei Beginn später als vier Wochen vor der Empfängnis, bis zum Ende der 12. Schwangerschaftswoche; sechs bis acht Wochen bei 400 µg beziehungsweise etwa vier Wochen bei 800 µg bis zum WHO-Zielwert in den Erythrozyten.
- Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit: Im Mutterpass gilt der erste Tag der letzten Periode als Beginn der Schwangerschaft, die Befruchtung liegt meist etwa zwei Wochen danach.
- Verbraucherzentrale (2025): bei spätem Beginn oder ungeplanter Schwangerschaft im ersten Trimester 800 µg Folsäure, am besten nach Absprache mit der Frauenärztin oder dem Frauenarzt.
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Referenzwerte für die Folatzufuhr, 300 µg Folatäquivalente täglich für Frauen und 550 µg in der Schwangerschaft.
- Khoshnood B, Loane M, de Walle H u. a. (2015): Long term trends in prevalence of neural tube defects in Europe, 28 EUROCAT-Register in 19 Ländern, rund 12,5 Millionen Geburten von 1991 bis 2011, Gesamthäufigkeit 9,1 pro 10.000 Geburten.
- MRC Vitamin Study Research Group (1991): randomisierte Studie an Frauen mit erhöhtem Risiko, rund 72 Prozent weniger erneute Neuralrohrdefekte mit Folsäure rund um die Empfängnis.
- EFSA: tolerierbare Gesamtaufnahme von 1.000 µg Folsäure täglich für Erwachsene aus Präparaten und angereicherten Lebensmitteln.
- Gemeinsamer Bundesausschuss: drei Basis-Ultraschalluntersuchungen in der 9. bis 12., 19. bis 22. und 29. bis 32. Schwangerschaftswoche, erweiterte Fassung der zweiten Untersuchung mit Kopf und Hirnkammern, Hals und Rücken, alle Untersuchungen freiwillig.
Wie ich den Startpunkt für mich festlege
Bei meiner ersten Schwangerschaft war ich ehrlich gesagt nicht zu spät dran, und das war eher Glück als Planung. Als ich zum ersten Mal meine Nährstoffwerte habe bestimmen lassen, wusste ich, dass ich innerhalb der nächsten zwei Jahre schwanger werden wollte, konkret wurde der Kinderwunsch aber erst etwa ein halbes Jahr später. Die Folsäure lief da schon mit, bei mir als Methylfolat mit 400 µg am Tag, und so sind es am Ende rund sieben bis acht Monate Vorlauf geworden.
Die Tabelle oben habe ich erst für diesen Artikel so aufgestellt, und sie zeigt ziemlich deutlich, warum der Startpunkt so wichtig ist. Selbst wenn alles schnell geht, hält man den positiven Test meist erst zu Beginn der fünften Schwangerschaftswoche in der Hand, und dann ist von den vier Wochen bis zum Neuralrohrschluss schon die Hälfte vorbei. In meinem Buch steht als Startpunkt der erste Zyklus ohne Verhütung, und mein Plan für eine mögliche zweite Schwangerschaft ist, mich selbst genau daran zu halten, eher noch früher, sobald die Entscheidung fällt.
Ein schlechtes Gewissen will ich damit niemandem machen, der das gerade anders erlebt. Nicht jede Schwangerschaft lässt sich auf den Monat planen, und wer ab dem positiven Test die Folsäure nimmt und das in der Praxis anspricht, macht genau das, was die Empfehlung für diesen Fall vorsieht.
Vor der Schwangerschaft nichts Wichtiges verpassen
Fünf Punkte haben vor einer Schwangerschaft eine Frist. Ich habe sie auf einer Seite zum Abhaken zusammengestellt und schicke sie Dir per Mail.
Häufige Fragen
Ist es in der 8. Schwangerschaftswoche zu spät für Folsäure?
Für das Neuralrohr ist das Zeitfenster dann normalerweise schon vorbei, weil es sich etwa vier Wochen nach der Empfängnis schließt, nach der Zählung im Mutterpass ungefähr am Ende der sechsten Schwangerschaftswoche. Die Empfehlung selbst läuft aber bis zum Ende des ersten Trimesters, und ein später Beginn ist darin ausdrücklich vorgesehen.
Wann schließt sich das Neuralrohr?
Laut dem Netzwerk Gesund ins Leben normalerweise bereits vier Wochen nach der Empfängnis. Weil die Schwangerschaftswochen ab dem ersten Tag der letzten Periode gezählt werden und die Befruchtung meist etwa zwei Wochen danach liegt, entspricht das ungefähr dem Ende der sechsten Schwangerschaftswoche.
Welche Menge Folsäure gilt, wenn ich spät angefangen habe?
Das Netzwerk Gesund ins Leben nennt für Frauen, die später als vier Wochen vor der Empfängnis begonnen haben, 800 µg Folsäure täglich bis zum Ende der zwölften Schwangerschaftswoche. Die Verbraucherzentrale nennt dieselbe Menge auch für eine ungeplante Schwangerschaft und rät, sie mit der Frauenärztin oder dem Frauenarzt abzusprechen.
Wie häufig sind Neuralrohrdefekte?
In einer europäischen Auswertung von 28 Registern mit rund 12,5 Millionen Geburten zwischen 1991 und 2011 lag die Häufigkeit bei 9,1 Neuralrohrdefekten auf 10.000 Geburten, also ungefähr bei einem auf 1.100. Über das persönliche Risiko sagt diese Durchschnittszahl allerdings nichts aus.
Wann Du zusätzlich professionelle Unterstützung suchen solltest
Wenn Du schwanger bist und spät mit Folsäure angefangen hast, sprich das beim nächsten Termin in der Frauenarztpraxis an, und wenn der erst in einigen Wochen liegt, ruf ruhig vorher an. Sofort in die Praxis gehört die Frage, wenn Du Antiepileptika nimmst, wenn in einer früheren Schwangerschaft ein Neuralrohrdefekt aufgetreten ist oder wenn Du eine Magen- oder Darmoperation hinter Dir hast, weil dann eine ärztlich festgelegte Menge gilt. Und wenn Dich die Rechnung aus diesem Artikel eher beunruhigt, als dass sie Dir weiterhilft, ist auch das ein guter Grund, mit Deiner Ärztin oder Deiner Hebamme zu reden.
Merk Dir das für die nächste Schwangerschaft
Falls Du gerade schwanger bist: Für diese Schwangerschaft zählt jetzt vor allem, dass die Folsäure bis zum Ende des ersten Trimesters läuft und dass Deine Frauenärztin weiß, wann Du angefangen hast. An der Rechnung mit den vier Wochen lässt sich rückwirkend nichts mehr drehen, und sie ist auch kein Grund, Dir jetzt Vorwürfe zu machen.
Wichtig wird sie wieder, sobald eine weitere Schwangerschaft im Raum steht, weil der Startpunkt dann ganz bei Dir liegt: ab der Entscheidung für ein Kind, spätestens mit dem ersten Zyklus ohne Verhütung. Was vor einer Schwangerschaft sonst noch eine Frist hat, habe ich in »Nährstoffbereit vor der Schwangerschaft« zusammengetragen.