Für die Zeit vor der Schwangerschaft gibt es keine Empfehlung, pauschal Eisen zu nehmen, und in der Schwangerschaft soll eine gezielte Eisengabe erst nach einem im Labor nachgewiesenen Mangel erfolgen. Ein Anlass ist also ein Befund. Ich habe mich trotzdem acht Monate lang an einem Ferritin-Zielwert von 150 ausgerichtet und dafür ein Arzneimittel gegen eine Diagnose genommen, die ich nie hatte.
Was offiziell zu Eisen vor der Schwangerschaft gilt
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hat ihre Referenzwerte für Eisen 2024 überarbeitet. Für Frauen, die ihre Regelblutung haben, liegt die empfohlene Zufuhr bei 16 mg am Tag, in der Schwangerschaft bei 27 mg und in der Stillzeit wieder bei 16 mg. Das sind Werte für die gesamte Zufuhr aus allen Quellen, und das Netzwerk Gesund ins Leben schreibt dazu, dass die meisten Frauen die 16 mg laut Nationaler Verzehrsstudie gar nicht erreichen.
Eine Empfehlung, deshalb vorsorglich ein Präparat zu nehmen, steht da trotzdem nirgends. Das Netzwerk formuliert es für die Schwangerschaft ziemlich deutlich: Eine gezielte Eisensupplementierung zusätzlich zu einer ausgewogenen Ernährung soll nur nach einem laborchemisch diagnostizierten Eisenmangel erfolgen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung schlägt außerdem vor, auf eisenhaltige Nahrungsergänzungsmittel den Hinweis zu drucken, dass Schwangere Eisen nur nach ärztlicher Rücksprache einnehmen sollten. Für mich heißt das: Wer über Eisen nachdenkt, landet zuerst bei einer Messung und erst danach bei einer Packung.
Sobald der Test positiv ist, wird nach der Mutterschafts-Richtlinie bei der ersten Vorsorgeuntersuchung der Hämoglobinwert bestimmt und ab dem sechsten Monat alle vier Wochen wiederholt, und das Netzwerk nennt für die Abklärung eines Eisenmangels weitere Werte wie Ferritin, CRP und die Transferrinsättigung. Vor dem positiven Test greift diese Richtlinie noch gar nicht, das habe ich in dem Artikel dazu, welche Blutwerte die Krankenkasse zahlt, ausführlicher aufgeschrieben.
Ab welchem Ferritinwert wird aus einer Zahl ein Anlass?
Der Wert, der den Eisenspeicher abbildet, ist das Ferritin. Die Weltgesundheitsorganisation nennt in ihrer Leitlinie von 2020 für sonst gesunde Frauen außerhalb einer Schwangerschaft einen Wert unter 15 µg/l als Hinweis auf einen Eisenmangel. Weil Ferritin bei Entzündungen steigt, liegt die Grenze bei einer Entzündung oder Infektion bei 70 µg/l. Für die Schwangerschaft selbst hält die WHO eine einzige feste Grenze wegen der vielen körperlichen Veränderungen für schwer festzulegen. Labore schreiben ihn mal in ng/ml und mal in µg/l, das ist dieselbe Zahl. Als Selbstzahlerleistung kostet ein Ferritinwert nach meiner Preisrecherche rund 15 bis 20 €, dazu kommen rund 5 € für die Blutabnahme, und was die übrigen Werte kosten, steht in der Übersicht zum Nährstoff-Check.
Ganz fest ist die Grenze bei 15 allerdings auch außerhalb der Schwangerschaft nicht. Eine multinationale Auswertung von Addo und Kollegen, 2025 in The Lancet Global Health erschienen, hat für Frauen eine physiologisch begründete Schwelle von 24,8 µg/l abgeleitet, also deutlich höher. Das ist eine Forschungsarbeit, in der WHO-Leitlinie von 2020 stehen die 15.
Mein eigener Wert lag bei der ersten Messung bei 22 ng/ml. Das war im Referenzbereich meines Labors, das ihn als niedrig normal eingeordnet hat, er lag über den 15 der WHO und knapp unter den 24,8 aus der neueren Auswertung. Mit etwas gutem Willen kann man daraus ehrlich gesagt fast alles lesen. Eine Diagnose Eisenmangel hat mir niemand gestellt, und eine ärztliche Gegenprüfung habe ich mir auch nicht geholt.
Wie ein Anlass aussieht, zeigt ein durchgespielter, erfundener Fall in meinem Guide: eine Frau mit einem Ferritin von 11, also unter dem Referenzbereich. Da ist der Anlass ein Messwert, der unter der Grenze liegt, und genau das hatte ich eben nicht.
Woher meine 150 kamen, und was dieselbe Zahl bei der WHO bedeutet
Den Zielwert von 150 hatte ich aus den Büchern zur Nährstofftherapie, mit denen ich ins Thema eingestiegen bin. Die Idee dahinter finde ich bis heute nachvollziehbar: Ein Wert, der gerade noch im Referenzbereich liegt, muss nicht der Wert sein, bei dem es einem gut geht, und Zielbereiche versuchen genau diese Lücke zu füllen. Ein Zielbereich setzt allerdings voraus, dass gemessen wird, und bei mir lagen zwischen der ersten und der zweiten Messung acht Monate ohne jede Kontrolle.
In derselben WHO-Leitlinie steht noch eine zweite Zahl, und die ist für meine Geschichte eigentlich die interessantere. Dort heißt es, dass ein Ferritin über 150 µg/l bei menstruierenden, sonst gesunden Frauen auf ein Risiko für eine Eisenüberladung hinweisen kann. Das ist eine bedingte Empfehlung mit sehr niedriger Evidenzsicherheit, und 150 ist damit auch keine Gefahrenmarke, ab der zwangsläufig etwas passiert. Es heißt aber, dass mein Ziel ziemlich genau dort lag, wo die WHO anfängt, in die andere Richtung zu schauen.
Das ist kein Vorwurf an die Bücher. Die Entscheidung, eine Zahl als Ziel zu übernehmen, ohne sie gegenzuprüfen und ohne dass eine Ärztin sie für meine Situation eingeordnet hat, war meine.
Was bei mir eigentlich im Schrank stand: ein Arzneimittel
Genommen habe ich 100 mg Eisen jeden zweiten Tag, acht Monate lang, als rezeptfreies, aber apothekenpflichtiges Arzneimittel mit magensaftresistenten Pellets. In der Packungsbeilage steht als Anwendungsgebiet Eisenmangel, insbesondere Eisenmangelanämie, also genau die Diagnose, die ich nicht hatte. Dass ich die Kapseln ohne Rezept über den Apothekentresen bekommen habe, hat sich damals sogar wie eine Bestätigung angefühlt. Im Monat waren das 15 Kapseln für 3,42 €.
Für Eisen in einem Nahrungsergänzungsmittel schlägt das BfR höchstens 6 mg pro Tagesdosis vor. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit konnte 2024 keine tolerierbare Obergrenze ableiten und hat dafür eine sichere Zufuhr von 40 mg am Tag aus allen Quellen festgelegt, ausdrücklich auch für Schwangere und Stillende. Betrachtet hat sie dabei unter anderem Beschwerden im Magen-Darm-Trakt und die Leber, weil eine zu hohe Eisenzufuhr über lange Zeit vor allem der Leber schaden kann.
| Was | Wofür die Zahl gilt | Menge |
|---|---|---|
| DGE-Referenzwert, Frauen mit Regelblutung | gesamte Zufuhr pro Tag | 16 mg |
| DGE-Referenzwert, Schwangerschaft | gesamte Zufuhr pro Tag | 27 mg |
| BfR-Höchstmengenvorschlag | Tagesdosis eines Nahrungsergänzungsmittels | 6 mg |
| EFSA, sichere Zufuhr | alle Quellen pro Tag, auch in Schwangerschaft und Stillzeit | 40 mg |
| Meine Kapsel | jeden zweiten Tag, acht Monate lang | 100 mg |
An jedem Einnahmetag lag ich mit einer einzigen Kapsel also bei einem Vielfachen des BfR-Vorschlags und über den 40 mg, die die EFSA für den ganzen Tag aus allen Quellen nennt, das Essen noch gar nicht mitgerechnet.
Quellen zu diesem Artikel
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung (2024): überarbeitete Referenzwerte für Eisen, 16 mg für Frauen mit Regelblutung, 27 mg in der Schwangerschaft, 16 mg in der Stillzeit.
- Netzwerk Gesund ins Leben: gezielte Eisensupplementierung nur nach laborchemisch diagnostiziertem Eisenmangel, Hämoglobinbestimmung nach Mutterschafts-Richtlinie bei der ersten Vorsorge und ab dem sechsten Monat alle vier Wochen, Ferritin, CRP und Transferrinsättigung als weitere Werte, Zufuhr der meisten Frauen unter 16 mg laut Nationaler Verzehrsstudie.
- Bundesinstitut für Risikobewertung: Höchstmengenvorschlag von 6 mg Eisen pro Tagesdosis eines Nahrungsergänzungsmittels, Warnhinweis, dass Schwangere Eisen nur nach ärztlicher Rücksprache einnehmen sollten.
- Weltgesundheitsorganisation (2020): Ferritin unter 15 µg/l bei sonst gesunden Frauen außerhalb einer Schwangerschaft als Hinweis auf Eisenmangel, unter 70 µg/l bei Entzündung oder Infektion, keine einzelne feste Grenze in der Schwangerschaft, über 150 µg/l bei menstruierenden Frauen als möglicher Hinweis auf ein Risiko für Eisenüberladung (bedingte Empfehlung, sehr niedrige Evidenzsicherheit).
- Addo u. a. (2025): physiologisch begründete Ferritinschwelle von 24,8 µg/l für Frauen, multinationale Vergleichsstudie.
- Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (2024): keine tolerierbare Obergrenze für Eisen ableitbar, sichere Zufuhr von 40 mg pro Tag für Erwachsene einschließlich Schwangerer und Stillender, betrachtet unter anderem Magen-Darm-Beschwerden und Folgen für die Leber bei dauerhaft zu hoher Zufuhr.
- Eigene Preisrecherche in veröffentlichten Selbstzahler- und IGeL-Preislisten deutscher Labore für »Nährstoffbereit vor der Schwangerschaft«: Ferritin rund 15 bis 20 €, Blutabnahme rund 5 €.
Bevor aus einer Zahl im Kopf ein Präparat im Schrank wird
»Nährstoffbereit vor der Schwangerschaft« hat für Eisen wie für elf weitere Nährstoffe einen eigenen Steckbrief mit Referenzwert, Obergrenze und der Frage, ob sich eine Messung lohnt. Meine eigene Eisen-Geschichte steht darin mit allen Zahlen, und ein durchgespielter Fall mit einem Ferritin von 11 zeigt, wie ein echter Anlass aussieht. Es gelten 14 Tage Widerrufsrecht.
Nährstoffbereit ansehenWas der Anstieg von 22 auf 60 zeigt
Acht Monate nach der ersten Messung, zwei Tage nach meinem positiven Test, lag mein Ferritin bei 60 ng/ml, also fast beim Dreifachen. Das klingt nach einem Ergebnis, bestätigt aber das Ziel nicht. Es zeigt eigentlich nur, dass ein Speicher sich füllt, wenn man ihn füllt.
Dazu kommt, dass die zweite Messung in einem anderen Labor lief als die erste, sodass sich die beiden Zahlen ohnehin nur mit Vorsicht nebeneinanderstellen lassen. Und selbst mit zwei Zahlen aus demselben Labor bliebe offen, ob mit 22 in der Schwangerschaft irgendetwas anders gelaufen wäre. Das kann eine Messung an einer einzelnen Person halt nicht beantworten.
Der Abstand von acht Monaten bis zur Kontrolle war beim Ferritin gar nicht das Problem, im Guide rate ich bei Eisen selbst zu einer Kontrolle nach etwa einem halben Jahr. Gefehlt hat die Frage davor, ob es überhaupt einen Anlass gibt. Nach dem positiven Test habe ich meine Präparate zunächst unverändert weitergenommen und in der Schwangerschaft dann mehrfach nachmessen lassen und die Mengen anhand der Werte angepasst. Die Kontrollschleife, die in den acht Monaten davor gefehlt hat, habe ich also nachgeholt, nur eben in der Phase, in der sie am wenigsten hingehört.
Was ich vor dem zweiten Kind beim Eisen anders machen werde
Mein Plan ist, die Reihenfolge umzudrehen. Zuerst kläre ich, wer meine Werte am Ende einordnet, und erst dann lasse ich messen, so wie ich es in dem Artikel zur Frage, wer Nährstoffwerte eigentlich auswertet, beschrieben habe. Bevor ich noch einmal zu einem Arzneimittel greife, hole ich mir eine ärztliche Gegenprüfung, und beim Zielwert von 150 werde ich vorsichtiger sein.
Ganz untätig bleiben würde ich beim Eisen vermutlich trotzdem nicht, das halte ich für plausibel, belegen kann ich es aber nicht. Und was übrig bleibt, wenn sich niemand für die Einordnung findet, habe ich in meinem Plan B aufgeschrieben.
Häufige Fragen
Sollte ich vor der Schwangerschaft Eisen nehmen?
Eine pauschale Empfehlung dafür gibt es nicht. Für die Schwangerschaft schreibt das Netzwerk Gesund ins Leben, dass eine gezielte Eisensupplementierung nur nach einem laborchemisch diagnostizierten Eisenmangel erfolgen soll, und das BfR schlägt für Präparate den Hinweis vor, dass Schwangere Eisen nur nach ärztlicher Rücksprache einnehmen sollten. Ob Du einen Anlass hast, klärt also eine Messung zusammen mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt.
Ab welchem Ferritinwert spricht man von Eisenmangel?
Die WHO nennt in ihrer Leitlinie von 2020 für sonst gesunde Frauen außerhalb einer Schwangerschaft einen Wert unter 15 µg/l, bei einer Entzündung oder Infektion unter 70 µg/l. Eine Auswertung von Addo und Kollegen aus dem Jahr 2025 hat für Frauen eine physiologisch begründete Schwelle von 24,8 µg/l abgeleitet. Für die Schwangerschaft hält die WHO eine einzige feste Grenze für schwer festzulegen.
Wie viel Eisen ist zu viel?
Die EFSA konnte 2024 keine tolerierbare Obergrenze ableiten und nennt eine sichere Zufuhr von 40 mg am Tag aus allen Quellen, auch für Schwangere und Stillende. Für die Tagesdosis eines Nahrungsergänzungsmittels schlägt das BfR höchstens 6 mg vor. Mein eigenes Präparat mit 100 mg pro Kapsel war ein apothekenpflichtiges Arzneimittel mit dem Anwendungsgebiet Eisenmangel.
Ist ein Ferritin von 150 ein sinnvolles Ziel vor der Schwangerschaft?
Keine offizielle Stelle hat 150 als Zielwert veröffentlicht. In der WHO-Leitlinie taucht dieselbe Zahl als Schwelle auf: Ein Ferritin über 150 µg/l kann bei menstruierenden, sonst gesunden Frauen auf ein Risiko für eine Eisenüberladung hinweisen, als bedingte Empfehlung mit sehr niedriger Evidenzsicherheit. Ich habe mich acht Monate daran ausgerichtet und würde vor einem erneuten Griff zum Arzneimittel heute eine ärztliche Gegenprüfung einholen.
Wann Du zusätzlich professionelle Unterstützung suchen solltest
Wenn Du Dich über längere Zeit sehr erschöpft fühlst, Deine Regelblutung sehr stark ist oder Du einen Befund mit einem Ferritin unter dem Referenzbereich in der Hand hast, gehört das in eine ärztliche Praxis, bevor Du irgendetwas mit Eisen kaufst. Das gilt genauso, wenn Du schon ein Eisenpräparat nimmst und niemand Deinen Verlauf kennt.